Heide und die Aggression ihres Mannes

Neu in diesem Blog ist nun auch hier die Rubrik "Leser fragen nach". Fast täglich erreichen mich Anfragen von Lesern mit der Bitte um Rat. Leider ist es mir nicht möglich, exklusiv auf jedes Anliegen außerhalb der Arbeit in den Blogs einzugehen, weil die Zeit einfach nicht zur Verfügung steht. Hier allerdings dürfen all die Themen zur Sprache kommen, die sich eben nicht in einen auf 4096 Zeichen begrenzten Kommentartext einpassen lassen. Hier ist Raum und Zeit für eine ausführliche Schilderung und wenn gewünscht auch für meine Sicht, die Sicht des Autors Benno Blues auf die jeweils geschilderte Situation. 
Als Erste kommt heute Heide zu Wort. Heide lebt schon sehr lange in einer festen Beziehung, fühlt sich aber durch die Depression ihres Mannes mehr und mehr allein gelassen. Insbesondere die immer wieder auftretenden Wutausbrüche, aber auch die latent aggressive Grundhaltung ihr und ihrem Sohn gegenüber machen ihr schwer zu schaffen. 

Die Texte sind anonymisiert. Eventuell auftretende Namen wurden verändert.



Hallo,
auch ich würde gerne mal meine Geschichte erzählen. Mein Mann und ich sind seit 30 Jahren zusammen, 19 Jahre davon verheiratet, wir haben einen Sohn von 18 Jahren. Mein Mann ist seit 2004 immer mal wieder wegen Depressionen in Behandlung gewesen. Seit 3 Jahren ist er berufsunfähig, ich dagegen bin relativ erfolgreich selbständig tätig. Zwei Reha-Maßnahmen (2005 und 2014) hat er jedesmal abgebrochen. All die Jahre gab es depressive Höhen und Tiefen, die wir aber ganz gut überstanden haben. Die Ursache habe ich in dem schwierigen Verhältnis zu seinen Eltern, die Situation im Elternhaus seiner Kindheit, insbesondere in seiner Beziehung zu seiner Mutter gesehen,- wenig emotional, häufige Bevormundungen etc. Zusammengefasst eine Hexe. Mein Mann stand immer Zwischen mir und meiner Schwiegermutter ohne den Mut und die Kraft zu haben Stellung zu nehmen. Auch mein Sohn würde dahingehend von meiner Schwiegermutter miteinbezogen, allerdings hat mein Sohn im Gegensatz zu seinem Vater ein großes Selbstwertgefühl und konnte sich ganz gut durchsetzen. Mein Mann nicht. Ab Oktober 2016 wurde meine Schwiegermutter schwer krank und verstarb im Sommer 2017. Mein Mann hat sich für Sie aufgeopfert und alles gemacht und erledigt was Sie sich vorstellte. In dieser Zeit fing er nun an, die Kontakte zu unserem Freundeskreis abzubrechen, in dem er die Freunde verbal und auch schriftlich mit zynischen Bemerkungen und Handlungsweisen beleidigte... Dir Beziehung zu mir und meinem Sohn litt erheblich, zeitweise hat er den Kontakt zu uns auf ein Minimum reduziert, immer öfters ist er wegen Kleinigkeiten aggressiv geworden und total ausgeflippt. Stühle wurden zertrümmert, Gegenstände wurden herumgeworfen... Es gab aber auch immer mal wieder kurze gute Episoden. Kurz um ich hoffte ,dass nach dem Tod der Schwiegermutter endlich Ruhe einkehrt und mein Mann sich beruhigt.Vor 3 Monaten hatten wir dann auch für ca. 3 Wochen eine Phase , in der mein Mann wie zu Beginn unserer Beziehung war, entspannt, liebevoll, der Mensch in den ich mich verliebt habe. Dann kam aber der Absturz, wiedereinmal flogen Stühle wegen Kleinigkeiten. In einem gemeinsamen Gespräch mit meinem Sohn zusammen, um die Situation zu klären, haben wir ihm mitgeteilt, dass wir diese Aggression nicht weiter dulden und für das nächste Mal Konsequenzen angekündigt...das nächste Mal war dann 4 Wochen später mit dem Unterschied, dass dann noch ein Glas in meiner unmittelbaren Nähe gegen die Hauswand geschleudert wurde, die Agression hätte eine neuer Dimension eingenommen. Die Konsequenz zu seinem Verhalten war, dass mein Sohn die Polizei rief... Seitdem ist mein Mann uns gegenüber sehr aggressiv, eine Behandlung lehnt er ab, zeitweise war er tagelang verschwunden...Gespräche sind überhaupt nicht mehr möglich. Mein Sohn ist Zielscheibe für alles was ihm nicht passt. Es herrscht Stille zwischen uns. Was kann ich tun um ihm den Weg zurück ins Leben zu ebnen. Ich liebe meinen Mann immer noch, es ist krank, das ist mir bewusst.

Hast Du ein paar Ratschläge für mich?


Hallo Heide,
von außen betrachtet ist das eine ziemlich zerfahrene Situation, aber dennoch nichts Exotisches, denke ich. So etwas spielt sich immer wieder ab, jeden Tag irgendwo in Deutschland und der Welt und auch jetzt gerade, bin ich überzeugt. Das sind die kleinen und großen Dramen unseres Lebens. Das Leben fordert mitunter einiges von uns ab, aber oftmals sind die Schmerzen, die wir leiden, Geburtsschmerzen. Durch manchen Schmerz müssen wir gleichsam hindurch gehen, damit sich eine Situation im Nachhinein bessern kann.
Und so finde ich es richtig, dass ihr Konsequenzen angedroht und auch geliefert habt. Damit habt ihr die Rolle der Co-Depressiven verlassen. Ich denke, ihr habt das Richtige getan. Natürlich gefällt ihm das nicht, plötzlich eine Grenze gesetzt zu bekommen. Aber letztlich ist es eine richtige Grenze auf einem falschen Weg, eine Grenze, die ihn zurück bringen kann auf den richtigen Weg.
Währenddessen ich versuche, mich mit dem Thema Aggression anzufreunden und versuche, sie als einen Teil, der zu uns Menschen gehört, zu akzeptieren, bin ich beim Thema Gewalt immer noch anderer Meinung. Gewalt gehört nicht in ein Zuhause, denke ich, nicht zwischen Partner und nicht zwischen Kinder und Eltern. Tritt sie hier dennoch auf, ist sie entweder ein Zeichen von Dummheit und Abgestumpftheit, das erkenne ich aber in eurem Fall nicht, oder sie ist ein Zeichen purer Überforderung. Das macht sie in der Sache natürlich nicht besser und auch kein bisschen akzeptabler, aber es bietet vielleicht einen Zugang. Wenn wir Gewalt als Hilferuf ansehen können, wenn wir in diese innere Haltung gelangen, haben wir wieder Handlungsoptionen, denke ich.

Leider habe ich hier in eurem Fall nun nicht wirklich ein paar konkrete Ratschläge zur Hand. Ich glaube tatsächlich nicht, dass meine Lösungen auch deine/eure Lösungen sein würden, aber ich glaube fest daran, dass dich diese eben von mir geschilderte Grundhaltung zu deinen Lösungen führen wird.
Gerade Männer haben es immer wieder schwer, sich die eigene "Niederlage" einzugestehen und Hilfe anzunehmen. Ich selbst wäre wohl freiwillig niemals zu einem Psychologen oder Psychiater gegangen. Irgendwann war der Leidensdruck jedoch so hoch, dass es dann doch möglich wurde. Ich hoffe, dass dein Mann dies bald für sich erkennt und endlich wieder Hilfe annehmen kann. Erschwerend kommt hinzu, dass er die Situationen, in denen er Hilfe annehmen konnte, am Ende nicht als hilfreich erfahren durfte. Es liegt aber einzig in seiner Verantwortung, das zu ändern. Ihr könnt ihn nicht gesund machen. Ihr könnt ihn aber wohl unterstützen in all den Dingen, die er für sich installiert und die geeignet sind, sein Leben zu verbessern.
Doch noch einmal zurück zum Thema Häusliche Gewalt. Ich weiß, das klingt hart und das ist es ja auch. Ich würde meinem Partner ganz klar die Trennung androhen, wenn er gewalttätig gegen mich, unser Kind oder auch gegen Gegenstände in unserem Haushalt (denn das ist nur eine Vorstufe) wäre und ich würde ihm das in der gebotenen Klarheit vermitteln, dass er am Ende des Gespräches wüsste: Jetzt ist es ernst - noch einen Fehltritt kann ich mir nicht erlauben, ohne die Beziehung auf's Spiel zusetzen. Ich halte es für wichtig, auch in der Beziehung Grenzen zu ziehen, insbesondere dann, wenn ich mich respektlos behandelt fühle. Lasse ich das nämlich erst einmal durchgehen, erweise ich mir selbst nicht mehr den gebotenen Respekt, was der Anfang von jedwedem Ende sein dürfte.
Insofern denke ich, habt ihr eine ganze Menge richtig gemacht. Liebe ist da auch noch und du suchst nach einer Lösung. Die Lösung wird sich finden. Vertrau mal. Eure Lösung wird sich finden. Aber sie muss aus euch heraus kommen und vielleicht braucht es dafür einfach noch etwas mehr Zeit.
Vermutlich hat er den Verlust seiner Mutter noch nicht abschließend verarbeitet. Vermutlich hat er nach 30 Jahren Beziehung nicht mehr wirklich auf dem Schirm, was es bedeuten würde, ohne dich zu leben. Vielleicht setzt du dir hier einfach erst einmal eine Zeitschiene? Zeitschienen finde ich in verzwickten Situation immer wieder geradezu genial. Sie verschaffen erstmal Zeit, Zeit um wieder herunter zu kommen und klare Gedanken fassen zu können. Vielleicht also setzt du dir stillschweigend für dich einen Termin und lässt bis dahin die Zeit einfach nur vergehen und beobachtest, was geschieht? Sollte nichts geschehen, wovon ich allerdings nicht ausgehe, dann würde ich um ein Grundsatzgespräch bitten und auch eine Trennung nicht mehr ausschließen, sollte er nicht glaubhaft versichern können, dass sich in Zukunft etwas zum Besseren ändern würde.  Ich wünsche mir und euch sehr, dass ihr wieder zueinander findet, denn schließlich seid ihr tief im Innern immer noch dieselben beiden Menschen, die sich einst ineinander verliebten...

Alles Gute für Euch und liebe Grüße! Benno



Hallo Benno,
vielen Dank für Deine Worte. Ich werde meinen Weg nun gehen, die Grenze ist gesetzt, ich hoffe ich halte durch. Dass er den Tod der Mutter noch nicht abschließend verarbeitet hat, kann gut sein, schließlich hat Sie ihm eine schwer zu tragende Botschaft hinterlassen: "Es wäre besser gewesen mich nicht zu heiraten", "dein Sohn ist ein fauler Mensch, alles was der kann ist schlafen und PC-Spiele spielen"... Alles was mein Mann zur Zeit tut, sind Dinge, von denen er weiß, dass sie mir oder meinem Sohn wehtun. Ich kann nicht sagen, wo dieser unendliche Hass herkommt. Keine Liebe mehr, fühlt dieser Mensch den nichts mehr? Das zermürbt, wie kann ein Mensch 30 Jahre Zusammensein derart mit Füßen treten?!?! Ob er den Weg zurück findet bezweifle ich immer wieder, schließlich zieht sich diese Verhaltensweise durch sein ganzes Leben. Alle Menschen mit denen er nicht mehr ganz so klar gekommen ist, sei es auf Grund von kleinen Meinungsverschiedenheiten oder auch nur weil sein Selbstwertgefühl dem Vergleich nicht standhielt etc. werden aus seinem Leben verbannt, wenn man keine Freunde mehr hat, dann sind eben die nächsten Angehörige dran. Meinungsänderungen sind ein Zeichen von Schwäche. Aber wenn es so kommen sollte, dann muss es eben so sein. Ich lasse ihm noch ein wenig Zeit, aber ich werde meine Zukunft und die meines Sohnes selbst in die Hand nehmen. Keine faulen Kompromisse mehr, ich habe zu lange still gehalten, gedeckt, beschwichtigt etc...nur um immer wieder angefeindet zu werden. 
Liebe Grüße


Hallo Heide,
"... es herrscht Stille...", schreibst du in deinem Bericht. Als ich gerade noch einmal deine Geschichte las, dachte ich: Vielleicht ist es das? Vielleicht ist das für den Moment genau das Richtige? Es gab viele Verletzungen, auf beiden Seiten. Möglicherweise ist es tatsächlich gut, zunächst erst einmal ein wenig Ruhe einkehren zu lassen? Vielleicht ist es dann, wenn keine neuen Verletzungen hinzu kommen, auch möglich in das Gefühl der Liebe für den Partner zurück zu kehren, denn dies sehe ich als unabdingbare Bedingung für eine gute gemeinsame Zukunft. Die Depression fordert große Opfer, aber sie ist nicht nur negativ besetzt. Sie bietet auch Chancen. Sie zeigt auf, was faul ist und sie lädt ein, die Dinge im Leben zu ändern, die dem eigenen glücklichen Leben noch im Wege stehen. Nicht selten sind das nicht Dritte, die uns im Wege stehen, nicht der Nachbar, der Chef oder die Schwiegermutter. Meistens sind wir es doch selbst, die dies tun. Das soll keine Schelte sein, liebe Heide, sondern vielmehr die Großartigkeit begreifbar machen, dass wir es überwiegend allein in der Hand haben, unser Leben zu einem guten Leben zu machen. Erste Schritte hierzu bist du nun gegangen und ich hoffe und wünsche dir sehr, dass sie der Anfang eines Weges sind, auf den du einmal gern zurückschauen magst. Aber ganz ehrlich? Ich bin ziemlich überzeugt davon.

Liebe Grüße Benno


Quellen zu "Heide und die Aggression ihres Partners" Foto: pixabay.com

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Kommentare:

  1. Hallo Benno,
    Du hast mir einen schönen Namen gegeben....
    Die Zeiten der Stille hatten wir schön öfters in unserer Beziehung, tatsächlich hatten wir dann auch immer wieder zusammengefunden, allerdings bisher allzu oft mit dem Endergebnis, dass sich nicht wirklich was geändert hatte. Die beiden Therapien waren jedesmal aufgrund solcher oder ähnlicher Vorkommnisse in Angriff genommen worden. Vielleicht war ich all die Jahre zu schnell mit dem "Teil"-Ergebnis zufrieden und mein Mann sich meiner Liebe zu sicher. Auch zur Zeit sehe ich kleine Gesten und Handlungsweisen, die ich für mich als Zeichen deute, dass da bei ihm nicht nur Hass ist was er fühlt. Die Hoffnung auf baldige Besserung und Einsicht wird bisher aber immer wieder durch agressive und verletzende Bemerkungen zunichte gemacht. In Situationen in denen ein gesunder Mensch seine Lieben in den Arm nehmen würde, findet mein Mann nur Worte der Ablehnung. Vor einiger Zeit hatte er sich bei einer älteren Bekannten von mir, die zufällig bei uns zu Hause vorbeigekommen ist, sehr positiv darüber geäußert, dass ihm sein Zuhause und die Familie sehr wichtig sind. Das glaube ich ihm auch, aber sein Verhalten ist das krasse Gegenteil von dem, was er da gesagt hat. Was denkst Du, wieviel Zeit soll ich ihm noch geben? Im Augenblick denke ich, müssen wir auf jeden Fall erstmal gehen.

    Danke für deine Hilfe.

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    1. Hallo Heide,
      so ganz spontan würde ich sagen: Ein Vierteljahr. Aber das kann für dich natürlich ganz anders sein. Vielleicht spürst du einmal hin, welcher Zeitraum sich für dich gut anfühlen könnte? Du kannst das mit verschiedenen Daten ausprobieren. Du musst dabei nicht denken - nur fühlen...
      Dass dir seine einstige Nähe und Zärtlichkeit jetzt fehlen, kann ich gut nachvollziehen. Ich denke aber, dass es ihm ganz genauso gehen wird. Nun könnte man geneigt sein, zu sagen, dass es ja ganz einfach wäre, dies zu ändern, aber genau das ist es eben mitnichten. Er ist in sich gefangen, in seiner Kränkung, in seiner Wut, in seinem Schmerz, in seiner Hoffnungslosigkeit... Vielleicht hilft dir ein Zitat, an das ich mich grad erinnere, weiter? "In jeder Faust steckt ein wimmerndes Herz." (Jakob Muth) Bei der Suche nach diesem Zitat stieß ich dann auch noch auf einen anderen Beitrag von mir zum Thema Männer und Gefühle. Vielleicht magst du ja einmal schauen: https://www.was-ist-depression.net/2013/03/bipolar-oder-normale-gefuhlsschwankungen.html
      Liebe Grüße Benno

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  2. Hallo Benno,
    ich muss nochmal etwas los werden. Du schreibst, die Depression ist nicht nur negativ besetzt, ja das stimmt! Sie hat meinem Mann und mir in den guten Phasen sehr viel Liebe gegeben. Die großen Opfer, die sie uns abverlangt hat, haben mich meiner Gefühle nur sicherer gemacht. Allerdings habe ich hierbei den Fehler gemacht, nicht auch mich mal im Mittelpunkt zu sehen, meine Wünsche und Bedürfnisse konsequent zu verfolgen...das ist eben nicht meine Art, ich sehe in fast allem auch etwas Positives... das hat mich dazu verleitet in vielen Dingen nicht konsequent zu sein. Ich wurde zur Co-Depressiven, habe meinen Mann in seiner Haltung eher unterstützt als angespornt zu handeln. So sehe ich das rückblickend. Vielleicht siehst Du das ganz anders?!?! Würde mich interessieren.

    Liebe Grüße

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    1. Ja, das mit dem Anspornen sehe ich in der Tat etwas kritisch. Ich glaube nicht, dass dies hilfreich ist. Es ist zwar menschlich und nachvollziehbar, wird aber der Krankheit Depression und dem Erkrankten nicht gerecht, denke ich. Depressive können nicht wollen - so könnte man mit wenigen Worten des Pudels Kern beschreiben. Sie haben bestimmte Botenstoffe nicht ausreichend im Gehirn. Einen, der nicht wollen kann, anzuspornen, kommt mir vor,wie einem Blinden zu sagen, er müsse nur genauer hinsehen.
      Ich glaube also nicht, dass du da rückblickend hättest etwas besser machen können. Natürlich kann man immer irgendetwas besser machen, aber an dieser Stelle, wäre das eher ungünstig gewesen, denke ich. Dass du dich selbst womöglich zu oft hinten anstellst, das könntest du dir schon einmal angucken, aber das tust du ja bereits und lässt hier Änderungen zu. Ganz oft glauben Partner ja, dass es ihre Aufgabe wäre, den Anderen glücklich oder gar gesund zu machen und auch von ihm glücklich gemacht zu werden. Die Wahrheit ist aber, dass man Glück nicht von außen beziehen kann und Gesundheit auch nicht, nur Krankheit. Glück, Gesundheit und Zufriedenheit entsteht im eigenen Körper und schwappt bestenfalls über, wenn man voll genug davon ist. Im Umkehrschluss gilt: Wenn es mir nicht gut geht, kann ich auch nicht gut für andere sein.
      Wenn du deinen Mann in seiner Haltung unterstützt hast in dem Sinne, dass du für ihn da bist, bereit bist, mitzutragen, was die Depression an Ungemach mit sich bringt, dann denke ich, hast du auch hier nichts falsch gemacht. Die Depression lässt sich nicht mit der Brechstange aus dem Haus treiben. Es gibt einen Grund, weshalb sie gekommen ist. Hier wohlwollend zu hinterfragen und an den Ursachen zu arbeiten, halte ich eher für geboten und auch für zielführender. Die Depression braucht ein Ja, damit sie wieder gehen kann. Sie ist ein Prozess, durch den hindurch zu gehen man bereit sein muss, auch als Partner. Das heißt nicht, dass du dich grenzenlos unterbuttern lassen sollst. Wo es angebracht ist, wo es dein Leben betrifft, solltest du dich auch positionieren, so wie es jetzt jüngst passiert ist. Mein Fazit also zu deiner Frage: Du hast es, bewusst oder unbewusst, schon ganz gut gemacht! Liebe Grüße Benno

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  3. Hallo Benno,
    nachdem zwischen meinem Mann und mir schon seit einigen Tagen und Wochen "Stille herrscht" und wir nur noch wenn notwendig über Whatsapp oder Mail kommunizieren... kommt heute eine Mail mit folgendem Inhalt... "...falls du mir zukünftig noch etwas mitzuteilen hast, dann bitte per Briefpost.Den Mist, den du verbal von dir gibst, kann ich mir schon länger nicht mehr anhören.
    Den geistigen Dünnschiss, den du in deinen letzten mails und whattsapps schickst, jetzt leider auch nicht mehr.
    Deine mails werden ab sofort autom. in den Papierkorb verschoben; Whattsapps blockiert.
    Auf ein weiteres harmonisches Zusammenleben........."
    Grausam, wie diese Krankheit einen Menschen so verändern kann...
    Ich sehe zur Zeit keine Hoffnung auf Besserung.
    Liebe Grüße
    Heide

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    1. Hallo Heide,
      das hört sich nicht wirklich nach Stille an... So könnt ihr, glaube ich, beide nicht zur Ruhe kommen. Das scheint aber so eure Dynamik zu sein. Kontakt wollt ihr schon haben, ihr wisst derzeit nur nicht mehr so recht, wie das gehen kann. Dein Mann ist voller Wut und Verzweiflung. Wenn er jedoch tatsächlich keinen Kontakt wollte, würde er dir auch keine Gemeinheiten zukommen lassen. Er würde dann vermutlich überhaupt nicht mehr reagieren. Dennoch, diese Art der Kommunikation macht es nicht besser. Vielleicht überlegst du einmal, ob es okay ist, so mit dir zu reden, dich so zu behandeln? Und wenn es nicht okay ist, dann wäre es vielleicht eine Idee, wenn überhaupt, erst einmal über die Form zu reden und erst wenn die Form wieder stimmt, an Inhalte zu denken.
      So wie sich die Situation aber derzeit darstellt, ist dein Mann zu einer Klärung nicht imstande, denke ich. Das ist bitter, ich weiß, aber es ist möglicherweise die einzige Wahrheit, die dir jetzt helfen kann. Versuche, zu akzeptieren, dass er so ist wie er ist, aber akzeptiere auf keinen Fall, wenn er dich schlecht behandelt. Ich würde auf derlei Gemeinheiten vermutlich überhaupt nicht reagieren. Wenn der Druck aber doch zu groß sein sollte, könntest du ihm seine Gemeinheiten unkommentiert zurück schicken. Komm erstmal zur Ruhe, Heide, und tue dir selbst etwas Gutes. Was meinst du, könnte das sein? Liebe Grüße Benno

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  4. Hallo Benno,
    ja ich denke mein Mann hätte schon ganz gern Kontakt zu mir, insbesondere jetzt, wo er spürt, dass ich mehr und mehr mein eigenes Leben lebe. Ich bin oft mit unseren ehemals gemeinsamen Freunden unterwegs und das berührt ihn irgendwie. Wie genau kann ich nicht sagen, Wut oder Verzweiflung, dass er nicht mehr dabei ist oder was auch immer.... Ich habe solch eine Reaktion schon erwartet, nachdem ich auf einer Fete bei Freunden war....was denkst du lieber Benno, ist dies ein Zeichen, dass er noch Interesse an mir/unserer Familie hat? Dass ich ihm noch nicht ganz egal bin? Ist es ein Hoffnungsschimmer, dass er erkennt was verloren gehen kann? Die Art wie er mit mir redet bzw. mit mir umgeht, akzeptiere ich nicht mehr...Ich liebe ihn immer noch, aber diese Art und Weise werde ich nicht mehr dulden, so würde mein gesunder Mann niemals mit mir umgehen....Für mich tue ich gerade einiges...bin mit einer Freundin ganz spontan ein paar Tage in Urlaub gefahren, ist sehr erholsam, wenn auch immer wieder zwischendurch schwere Gedanken aufkommen. Bin gespannt wie die Reaktion zu Hause ausfällt, wenn ich wieder zurück bin. Vielleicht konnte er sich ja weiter beruhigen. Ich hoffe es.
    Lieber Benno vielen lieben Dank für deine Anmerkungen, diese helfen mir unheimlich viel. Inbesondere eröffnen sie mir ein wenig die Welt in der mein Mann sich gerade befindet.
    Danke

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    1. Hallo Heide,
      möglicherweise hat er noch Interesse an dir und eurer Familie. Möglicherweise ist er auch einfach nur wütend über den Verlust, möchte aber unter den gegebenen Bedingungen nicht weiter machen. Ich glaube, dass das Rufen der Polizei durch euren Sohn eine unheimlich narzisstische Kränkung für ihn war, von der er sich möglicherweise nie erholen wird. Dass du dich hier auf die Seite deines Sohnes gestellt hast, verstärkt das Ganze noch. Dennoch war es richtig, ihm eine Grenze zu setzen. Ich kenne deinen Mann nicht und kann hier leider nur mutmaßen. Ich hoffe, ich tue ihm nicht unrecht. Insgesamt scheint die Situation ziemlich zerfahren.
      Ich würde jetzt tatsächlich einen Zeitraum X abwarten und gar nicht agieren, reagieren nur, wenn die Form für dich auch in Ordnung ist, du nicht erneut beschimpft wirst. Nach dieser Zeit würde ich ihm dann noch einmal sagen, wo du stehst und ein Gesprächsangebot machen.
      Auf die Schnelle wird er sich wohl nicht beruhigen, denke ich. Er weiß ja gar nicht, wohin mit seiner Wut. Ich vermute mal, dass es da eine Menge Wut gibt, die eigentlich ganz woanders hin gehört und die ihr nun abbekommt. Bestenfalls wird der Leidensdruck für ihn so groß, dass er sich selbst Hilfe organisiert, aber auch dann sind schnelle Erfolge vermutlich Fehlanzeige. Man muss hier in anderen Kategorien denken. Die Seele geht zu Fuß. Das braucht alles seine Zeit.
      Fein, dass du inzwischen ein wenig für dich gesorgt hast. Den Urlaub mit einer Freundin finde ich eine gute Idee.

      Liebe Grüße Benno

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  5. Hallo Benno vielen lieben Dank für deine schnelle Rückmeldung. Ich bin zwar im Urlaub aber gerade wieder an einem Tiefpunkt. Deine Einschätzung bezüglich narzisstische Kränkung könnte durchaus zutreffen. Deine Meinung zu unserer Situation hat sich zwischenzeitlich etwas geändert glaube ich. Wenn ich zwischen den Zeilen lese, dann gehst du wohl eher davon aus, dass meinem Mann nicht mehr zu helfen ist und ich mich besser darauf einrichten soll mich zu trennen?!?!? Ich wollte mit dem Polizeieinsatz eine Grenze ziehen, das habe ich erreicht, aber ich wollte meinen Mann nicht verlieren....In der Vergangenheit hatte ich in solchen Situationen eigentlich immer wieder den Weg für Ihn geebnet, ihm beide Hände gereicht und ich hatte immer das Gefühl, dass er immer dankbar dafür war, auch wenn er dies natürlich nicht offen angesprochen hat und der Erfolg nur zeitlich befristet war. Soll ich mich nun tatsächlich überhaupt nicht mehr mit ihm abgeben? Ihn links liegen lassen?
    Das fällt mir schwer. Allerdings muss ich zugeben, dass auch mein Sohn die Situation so einschätzt. Er meinte, ich soll ihn fallen lassen, sonst wird sich nie etwas ändern. Seine Familie würde ihn im Moment nicht interessieren.Die Wut gegen uns ist unerträglich, nur warum kann er mit seinen wenigen noch verbliebenen Freunden relativ normal umgehen, ja sogar fröhlich sein? Ist das nur gespielt oder tatsächlich echt? Warum erzählt er einer Bekannten, dass er in seinem Urlaub festgestellt hat, dass ihm sein zu Hause und die Familie wichtig sind? Er tut auch nichts um uns vor die Tür zusetzen...Wenn er tatsächlich nichts mehr mit seiner Familie zu tun haben wollte, würde er doch weitere Schritte unternehmen?!?...
    Hilf mir lieber Benno, ich kann die Situation nur schlecht einordnen.
    LG Heide

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  6. Hallo Benno ich nochmal,
    mir ist da noch so ein Gedanke gekommen... könnte es auch sein, dass nicht der Polizeieinsatz das größte Problem für meinen Mann ist, sondern die Tatsache, dass ihm bewusst geworden ist, dass ich, seine Frau, Angst vor ihm hatte in dieser Situation?... nach dem Vorfall hatte ich eine zeitlang nachts mein Schlafzimmer abgeschlossen, das hat ihn irgendwie berührt....er hat in dieser Zeit immer wieder darauf angespielt...Ich glaube nicht, dass wir im gleichgültig sind, ich denke/hoffe eher, er kennt keinen Weg mehr zu uns zurück, dieser erste Schritt ist zu schwer für Ihn...

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    1. Hallo Heide,
      auch wenn zwischenzeitlich der Eindruck entstanden sein mag, du solltest dich besser auf eine Trennung einstellen, sehe ich das mitnichten so. Ich denke eher, dass es den Menschen in Krisenzeiten an geeigneten Bewältigungsstrategien fehlt und dass sie sich so tiefer und tiefer verstricken. Trennung ist natürlich auch eine Option und manchmal die letzte, aber das sollte sie auch stets bleiben, denke ich. Selbst wenn dein Mann dich schlüge, müsstest du dich nicht völlig trennen, wenn da noch Liebe ist, wohl aber müsstest du auf Distanz zu seinem schlechtem Verhalten gehen und konsequent sein. Ich schaue auf all die Paare, die sich irgendwann trennen, schaue wie sehr sie sich einmal liebten und bewunderten und frage mich, was wohl passiert im Laufe der Zeit? Woran fehlt es, an gutem Willen, an Dankbarkeit, an Respekt, an Abwechslung, an Ehrlichkeit...? Beziehung ist kein Selbstläufer, auch wenn das anfangs so aussieht. Mir sagte einmal eine Therapeutin, dass für eine Ehe beide Seiten zu 100% verantwortlich seien. Mathematisch fand ich das nicht korrekt, aber irgendwann begriff ich, was sie meinte. Nur dann kann es funktionieren, wenn beide die 100% bringen. Das ist unsere Aufgabe, wollen wir die Beziehung lebenslang erhalten.
      Vielleicht bist du hier in Sachen Depression etwas zu ungeduldig? Hier kann man nicht in Tagen denken oder Wochen. Stell dich eher auf Monate oder Jahre ein und frage dich, ob deine Liebe das trägt. Was, wenn sich sein Zustand nicht bessert? Wie lange würdest du warten wollen? Was ist mit deinem Leben?
      Ich glaube durchaus, dass deine Mann dich nicht verlieren möchte. Er weiß nur nicht recht, wie er es anstellen soll. Ich glaube jedoch, dass die Not, die er jetzt spürt, durchaus auch förderlich sein kann. Not macht erfinderisch, heißt es und Innovationen sind jetzt gefragt, denke ich.
      Dass du dich vor ihm eingeschlossen hast, kann für ihn genau so eine Kränkung gewesen sein, wie der Polizeieinsatz. Du hast ihm damit eine Grenze gezogen und ihn auf sich selbst zurück geworfen.
      Wenn der erste Schritt zu schwer für ihn ist, wie soll es dann weiter gehen? Dann ist es doch annähernd so wie immer, nicht wahr? Meinst du, er ändert sich, wenn doch alles wie immer bleibt? Hätte er dann die Not, sich zu ändern? Wenn das für dich so okay ist und du ihn lieber wieder sofort zurückhaben willst, kannst du jetzt den ersten Schritt tun, wie du es vermutlich immer tatest. Dann jedoch würde ich Bedingungen stellen. Eine Bedingung wäre, dass er verspricht, keine Gewalt mehr auszuüben, weder gegen Personen noch gegen Gegenstände. Wenn er das nicht kann, kann er das üben. Es gibt Trainingsprogramme für so etwas, denke ich. Die zweite Bedingung wäre, dass er über eine Psychotherapie nachdenkt. Zu eine von beiden Bedingungen sollte er sich entschließen können, denke ich. Aber vielleicht schaffst du es ja, noch ein bisschen Zeit vergehen zu lassen? Mit Abstand wird vielleicht doch einiges klarer, für dich und auch für ihn. Falls es dann irgendwann soweit sein sollte, dass ihr euch wieder begegnen könnt, solltet ihr möglicherweise über eine Paarberatung nachdenken. Ich denke, eure Beziehung hat es verdient, dass ihr daran arbeitet, darum kämpfen solltet...
      Allerdings muss ich hinzufügen: Ich bin kein Paarberater und habe selbst zwei in die Brüche gegangene Ehen hinter mir. Ich rate dir hier, wie ich einem guten Freund raten würde. Und wie immer im Leben hat das, was man rät, wohl mehr mit einem selbst zu tun. Dennoch, eine Anregung kann es vielleicht sein, über das eine oder andere nachzudenken... Liebe Grüße Benno

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  7. Hallo Benno,
    in den letzten Tagen habe ich mich deinen Ratschlägen entsprechende ruhig verhalten und versucht die Stille zwischen meinem Mann und mir aufrecht zu halten. Bis auf einen Zwischenfall letzte Woche ist mir das auch ganz gut gelungen glaube ich. Jetzt am Wochenende, an dem ich oft mit Freunden unterwegs bin, hat sich die Situation dahingehend geändert, dass mich mein Mann wegen Kleinigkeiten anspricht und mit Vorhaltungen, Vorwürfen und Unterstellungen regelmäßig mit mir streitet. Hierbei hält er mir weitgehend zusammenhanglos meine Äußerungen und Handlungsweisen aus der Vergangeheit vor. Zum Teil sind diese schon etliche Jahre zurück. Die Ursachen für die Streitigkeiten aus der Vergangenheit blendet er völlig aus. Ich bin immer und bei allem an allem Schuld. Mir gelingt es nur bedingt ruhig zu bleiben, da er dann sehr aggressiv ist und vorallem Drohungen jeglicher Art auspricht insbesondere immer wieder meine berufliche Existenz bedroht. Ich habe ihm versucht klar zu machen, dass ein weiteres Zusammenleben auf dieser Basis nicht möglich ist. Diese Situationen lassen sich nur entschärfen, in dem ich aus dem Zimmer gehe. Keine endgültige Klärung, keine Einsicht.
    Kann ich etwas besser machen? Nicht auf die Gespräche eingehen vielleicht? Ich habe noch keine neue Bleibe und das wird für einige Zeit auch noch so bleiben.
    LG Heide

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    1. Hallo Heide, ich glaube, ganz tief in sich irgendwo weiß dein Mann, dass er Fehler gemacht hat und dass er dich deshalb möglicherweise verlieren wird. Leider ist ihm das noch nicht bewusst, sonst wäre er zu konstruktiven Schritten in der Lage. Sein Selbstwert ist gerade so ziemlich im Keller und um sich nicht noch kleiner und unzulänglicher fühlen zu müssen, sorgt sein Unterbewusstsein dafür, dass er sich das jetzt nicht näher ansieht. Dies passiert leider immer wieder so zwischen Menschen. Die Schuld wird dann irgendwo im Außen gesucht, in unserem Fall hier bei dir. Leider nimmt sich der Betroffene auf diese Weise selbst die Fähigkeit zu Wachstum und Reife. Eine Entschuldigung, ein ehrliches Bereuen könnte so viel verändern. Vielleicht aber ist es dir möglich, dass du einmal, ganz ohne auf seine Details einzugehen, schaust, wo du selbst vielleicht ungerecht warst oder verletzend und ihm sagst, dass dir das leid tut. Vielleicht ist es dir möglich, deinen Mann um Verzeihung zu bitten, dort wo du ihm möglicherweise Schmerz zufügtest? Selbst wenn er auch dann noch nicht in der Lage sein sollte, auch dich um Verzeihung zu bitten (damit musst du womöglich rechnen) könnte das für dich selbst ein wichtiger und entlastender Schritt sein, denke ich. Liebe Grüße Benno

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